Die Geschichte des RHG

Die Chronik des Ricarda-Huch-Gymnasiums und ihrer Vorläufer(1)
Das Lyzeum - das alte Aloisianum

Etwa 1870:
Zwar gibt es Hinweise, dass man bereits seit dieser Zeit bemüht war, auch Mädchen eine über die Volksschule hinausführende Bildung zu vermitteln, doch diese Ansätze scheiterten teils an konfessionellen Streitigkeiten, teils an dem weit verbreiteten Standpunkt, dass die wahre Heimat der Frau das Haus und die Häuslichkeit sei. Diese Streitigkeiten und dieser Standpunkt verhinderten fast 35 Jahre lang die Gründung einer öffentlichen Mädchenschule.

1903:
Gelsenkirchen und Schalke wurden zu einer Großgemeinde vereinigt. In den darauf folgenden Jahren wurden drei "höhere Lehranstalten" gegründet, als letzte eine für Mädchen.

1906, Ostern (2):
Die neu gegründete Städtische höhere Mädchenschule begann ihre Arbeit mit 333 Schülerinnen in sechs aufsteigenden Klassen (also Jahrgangsstufe 5 bis 10) im Gebäude einer Volksschule. Diese Schülerinnen und die Lehrerinnen kamen aus fünf bereits bestehenden Privatschulen für Mädchen. Die neue höhere Mädchenschule war konfessionsübergreifend. Nur wenige Lehrerinnen dieser Schule verfügten über eine akademische Ausbildung. Damit beginnt die Vorgeschichte des Ricarda-Huch-Gymnasiums.

1908:
Preußen öffnete Frauen den Zugang zu Universitäten und änderte dementsprechend das Schulwesen für Mädchen.

1912:
Die Städtische Höhere Mädchenschule in Gelsenkirchen erhielt die staatliche Anerkennung als Lyzeum, d.h. als geeignet, Mädchen an das Studium heranzuführen. 

 

1913:
Baubeginn für ein eigenes Schulgebäude am Machensplatz - Rotthauser Straße 2; diese Städtische Höhere Mädchenschule hatte etwa 500 Schülerinnen. Auch dieses Gebäude, das alte Lyzeum, steht noch heute: Es ist die Gertrud-Bäumer-Realschule.

1916:
Dieses Lyzeum - heute würde man sie eine Art Realschule für Mädchen nennen - bekam ein "Oberlyzeum" (nämlich die Erweiterung um die Klassen 11 bis 13; dieses Oberlyzeum war eine Art Fachoberschule für angehende Lehrerinnen). Drei Jahre später fand hier die erste Reifeprüfung statt.

1919:
Das städtische Lyzeum mit Oberlyzeum zählte 900 Schülerinnen in 26 Klassen. Da diese Anstalt nicht mehr alle Schülerinnen aufnehmen konnte, trug man sich mit dem Gedanken, ein zweites städtisches Lyzeum zu errichten. Die katholische Elternschaft griff nun ihren alten Plan wieder auf, neben dem konfenssionsübergreifenden, städtischen Lyzeum noch ein privates katholisches Lyzeum zu gründen. Demnach gab es in Gelsenkirchen bis 1938 zwei höhere Mädchenschulen nebeneinander: das städtische, konfessionsübergreifende Lyzeum am Machensplatz und das private, katholische Lyzeum, also wieder das Aloisianum, an der Husemannstraße.

1920, 20. April:
Eröffnung des privaten katholischen Lyzeums mit Studienanstalt im Gebäude des alten Aloisianums; an der Husemannstraße durch die Franziskanerinnen von der Rheininsel Nonnenwerth (zum Namen siehe unten Fußnote 3).

1923:
Besetzung des Ruhrgebietes durch französische Truppen. Auch das städtische Lyzeum war von den Folgen betroffen: Das Gebäude wurde Kaserne der französischen Truppen, Turnhalle und Aula dienten zeitweilig als Pferdestall. Der Unterricht fand in allerlei Notunterkünften statt, hatte aber auch insofern mit Raumproblemen zu kämpfen, als sich die Anmeldungszahlen der Schülerinnen außergewöhnlich gut entwickelten. In den Jahren nach der Besetzung des Ruhrgebietes wurde das Schulgebäude gründlich renoviert, der Seitenflügel umgebaut, es wurden Klassen in das katholische Gesellenhaus und das Liebfrauenstift ausgelagert - aber wegen der schwierigen wirtschaftlichen Entwicklung in den frühen Jahren der Weimarer Republik war an einen Neubau nicht zu denken.

1924, 19. November:
Die Franziskanerinnen von Nonnenwerth reichten bei der Stadtverwaltung ein Gesuch um Überlassung eines Bauplatzes für einen größeren Lyzeumsneubau auf dem früheren Böhlingshof ein. Böhlingshof, einstmals als Klostergut dem 802 gegründeten Benediktinerinnen-Kloster in Essen zugehörig, nach den Freiheitskriegen 1813/14 in den Besitz der Familie Böhling übergegangen, war seit 1922 Besitztum der Stadt Gelsenkirchen.

1926, 22. Dezember:
Erwerb des städtischen Grundstücks "Auf Böhlings Hof", Größe: 12.305,70 qm, durch die Franziskanerinnen von Nonnenwerth.

1929, 29. Februar:
Der preußische Kulturminister erkannte durch Erlass das städtische Lyzeum als "besonders bedeutungsvolle Anstalt" an - eine seltene Auszeichnung, die lediglich 82 höheren Lehranstalten in Preußen verliehen wurde.

1930:
Mitten in der Weltwirtschaftskrise, in der Zeit der Massenarbeitslosigkeit, der Brüningschen Notverordnungen und der zunehmenden Radikalisierung des politischen Lebens waren keine Mittel vorhanden, das 25-jährige Bestehen zu feiern; auch die rechte Feststimmung wollte nicht aufkommen und so wurde dieser Jahrestag übergangen.

 

Das neue Aloisianum

1930, 20. Juni 1930, 17 Uhr:
Feierlicher erster Spatenstich auf dem Böhlingshof für den Schulneubau. Entwurf und Bauleitung: Architekt J. Franke, Gelsenkirchen; Baufirma: Phil. Holzmann AG, Zweigstelle Essen. Das Gebäude hat deutliche Anklänge an den Bauhaus-Stil der 20er Jahre und galt als ein für die damalige Zeit überaus moderner Schulbau; beachten Sie zum Bauhaus-Stil z.B. den Eingangsbereich oder die Aula von außen.

1930, 29. Juli:
feierliche Grundsteinlegung.

1931, 16. April:
feierliche Einweihung des neuen Schulgebäudes für das neue Aloisianum, privates katholisches Lyzeum mit Frauenschule und realgymnasialer Studienanstalt, an der Schultestraße 50. Photo im neuen Fenster: Blick auf die Kapellenapsis und das Schwesternhaus.

1930/31:
Zu Ende des Schuljahres zählte das Aloisianum trotz der schwierigen wirtschaftlichen Situation (Welt- wirtschaftskrise) rund 600 Schülerinnen in 18 Klassen.

1933:
Ab jetzt erschwerten die Gesetze und Verordnungen der NS-Diktatur zunehmend die demokratische und religiöse Erziehungs- und Bildungsarbeit, beispielhaft seien genannt:
7. April 1933: Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums
20. Juli 1935: Einschränkung der Tätigkeit von katholischen Jugendorganisationen
1. Dezember 1936: Die Hitlerjugend wurde Staatsjugend.
26. Januar 1937: Ein Beamtengesetz forderte ein besonderes Treueverhältnis zu Führer und Reich. Als Folge davon wurden viele Eltern gezwungen, ihre Kinder in städtische Schulen zu schicken.
18. Juni 1937: Verbot der Doppelmitgliedschaft in Hitler-Jugend und katholischen Jugendverbänden.

In diesem Jahr machten hier 12 Schülerinnen das Abitur.
Hitlers Machtübernahme veränderte auch Leben und Atmosphäre in den Schulen. Vorbei war es mit einem Unterricht, der in ernsthafter, bemühter Arbeit solide Kenntnisse und bisher unangefochtene Wertvorstellungen vermittelte. Staatsjugendtage, Teilnahme an Aufmärschen und Kundgebungen, Phrasendreschen, Parteidoktrinen unterbrachen und bestimmten den Schulalltag.

1935 gab es 400 Schülerinnen am Aloisianum, keine davon war "isr.", wie es in den Akten heißt, also jüdischen Glaubens; die Klassenstärke lag bei durchschnittlich 27; sieben Schülerinnen machten das Abitur.     

1936 war eine Schülerin des Aloisianums jüdischen Glaubens.

1938, 1. April:
Die Franziskanerinnen von Nonnenwerth sahen sich gezwungen, ihr privates Lyzeum, das Aloisianum, zu schließen. Viele Schülerinnen des Aloisianums wechselten zum Städtischen Lyzeum an der Zeppelinallee - Ecke Rotthauser Straße.

1939, Februar:
Nach langen Verhandlungen kaufte die Stadt Gelsenkirchen das Schulgebäude an der Schultestraße von den Franziskanerinnen (Zeitungsartikel vom 15.02.1939, Nationalzeitung vom 23.02.1939, Gelsenkirchener Zeitung vom 23.02.1939).

 

Die Kirdorf-Oberschule für Mädchen

1939, 1. April:
Umzug der Kirdorf-Oberschule für Mädchen in das Gebäude des Aloisianums an der Schultestraße. Damit hatte Gelsenkirchen wieder nur eine einzige höhere Mädchenschule, benannt nach einem heimischen Industriellen, der das Seine zu Hitlers Aufstieg beigetragen hat.

1939, 1. September:
Das Deutsche Reich beginnt den Zweiten Weltkrieg.

1943, Frühjahr bis Spätsommer:
Auf Grund der zunehmend konzentrierten Bombenangriffe der Alliierten auf das Ruhrgebiet Verlegung der jüngeren Jahrgänge der Schülerinnen im Rahmen der Kinderlandverschickung nach Süddeutschland (Teillager in Aflenz, Gamüsch und Aschau, später Zusammenlegung in Königssee). Die Jahrgangsstufen U 1 (Unterprima, heute Jahrgangsstufe 12) und O 1 (Oberprima, heute Jahrgangsstufe 13) wurden weiterhin im Schulgebäude an der Schultestraße unterrichtet.

1944, April/ Mai (?):
Das Erdgeschoss und Teile des Kellergeschosses des Schulgebäudes wurden als Lazarett des Marienhospitals für gehfähige Patienten genutzt. In den oberen Geschossen wurde unterrichtet.

1944, Montag. 6. November:
schwere Luftangriffe auf Gelsenkirchen, erster Angriff gegen 14 Uhr, zweiter Angriff gegen 19.25 Uhr. Das Schulgebäude der Oberschule für Mädchen wurde weitgehend zerstört (Kapellenflügel, Klassentrakt, Aula und Turnhalle). Zwei Schülerinnen, Bernhardine Rodehüser und Maria Schmelter, wurden getötet. Nach den späteren Beurkundungen des Standesamtes betrug die Zahl der am 6. November 1944 durch feindliche Bomben getöteten Personen in Gelsenkirchen 518. Ein Bild des Ehemaligen-Treffens dieses Jahrganges (samt Brief) finden Sie im Anhang1.

1945, Montag, 22. Januar:
Wiederaufnahme des Unterrichts provisorisch im Gebäude der Hindenburgschule in Rotthausen. April: Besetzung der Stadt durch US-Militär.

1945, September:
Rückkehr der Lehrkräfte und Schülerinnen aus den Kinderland-Verschickungs-Lagern nach Gelsenkirchen.

 

Das Ricarda-Huch-Gymnasium

1946, Montag, 18. März:
Wiederaufnahme des Unterrichts mit sieben Lehrkräften für 873 Schülerinnen ohne Bücher und Schreibmaterial im Schichtunterricht. Umbenennung der Kirdorf-Oberschule in Ricarda-Huch-Gymnasium.(4) Wie viel Improvisationswillen und -fähigkeit, welches Maß an Wendigkeit und praktischem Sinn von der Schulleitung, von Lehrern und Schülerinnen gefordert wurden, ist heutzutage (d.h. 1981)kaum vorstellbar. Uns heute selbstverständliche Voraussetzungen für einen geordneten Schulbesuch wie Heizmaterial, Bücher, Schreibpapier, unbeschädigte, notwendige Einrichtungsgegenstände waren nur unzureichend oder gar nicht verfügbar. Wer war die Frau, nach der die Schule umbenannt wurde? Ricarda Huch, Goethepreis-Trägerin, erste Frau in der Preußischen Akademie der Künste, aus der sie 1933 demonstrativ austrat, gehörte sie zu den Frauen in Deutschland, die durch ihr persönliches Beispiel und ihr Wirken den Frauen den Eintritt in das öffentliche Leben erst ermöglichten. Sehr Vieles, was Frauen und Mädchen heutzutage selbstverständlich ist, musste in den Jahren um die Jahrhundertwende erst erkämpft werden. Ihr Kämpfersinn sollte als Aufforderung und Verpflichtung von den nachfolgenden Frauengenerationen verstanden werden.

1951, September:
Beginn der Wiederaufbauarbeiten des Klassentrakts, der zerstörte Turnhallenflügel wurde nur "enttrümmert" (Gelsenkirchener Morgenpost vom 22.09.1951).

1954, Herbst, bis 1955:
Wiederaufbau des ehemaligen Kapellenflügels (jetzt Verwaltungstrakt) und der Aula/Turnhalle. Der ehemals zwei Stockwerke hohe Kapellenteil mit der halbrunden Apsis (siehe Photo zu 1931) samt seinem Fundament "wurde als nicht verwendbar abgebrochen" (Stadtverwaltung am 13. 1. 1955). Der Neubau dieses Gebäudeteils wurde in drei Etagen unterteilt, die untere Etage wurde Lehrerzimmer, Sekretariat und Schulleitungszimmer.

1977-1980:
Umfassende Renovierung des Schulgebäudes und Modernisierung des naturwissenschaftlichen Flügels bei laufendem Unterricht.

1995, Januar:
Beginn der Bauarbeiten für den naturwissenschaftlichen Anbau.

1997, 18. August:
Einzug in den naturwissenschaftlichen Anbau. Die über Jahre genutzte Nebenstelle an der Schultestr. 14a wurde ab jetzt vom Grillo-Gymnasium genutzt.

2001/2002:
Umbau des Südflügels, früher Heilpädagogischer Kindergarten / Schwesterntrakt, zu Multimedia-Schulungsraum, Schülerbibliothek, Beratungsräumen, Räumen zum selbstständigen Lernen; durchgängige Computervernetzung dieses Traktes mit Anbindung an das Internet. 

2002, November:
Der Südflügel ist fertig gestellt. Der Umbau hat etwa 1,7 Mio. € gekostet. Zu den Arbeiten gehörte auch, das Erdreich einen Meter tief abzuheben, um Bomben oder sonstige Sprengstoffreste des Zweiten Weltkrieges zu beseitigen. Der Keller wird im Wesentlichen benutzt für die Bibliothek und das Selbstlernzentrum (Computerarbeitsplätze mit Internetanschluss). Im Erdgeschoss gibt es einen großen Mehrzweckraum, Nr. 183; so einen Raum hatten das RHG bisher nicht. Zusammen mit den Klassenlehrern kann dieser Raum 183 auch gut für Schülerfeiern benutzen. Im Erdgeschoss gibt es weiterhin einen Raum für die Computer gestützte Musik. In der ersten Etage gibt es ein Büro für die Beratungslehrer der Sekundarstufe II, außerdem einen Raum für die Streitschlichter-AG und einen Raum für die Lehrer, die zur psychosozialen Beratung zur Verfügung stehen. Besprechungszimmer, wie jetzt neu vorhanden, zur Beratung z.B. mit Eltern, hatten wir bisher nicht. Die Räume des Südflügels sind allerdings nicht für Unterrichtszwecke genehmigt, weil sie nicht die entsprechende Deckenhöhe haben.

 

(1) Die gesamte Darstellung ist eine Zusammenstellung aus zwei Texten: Die Geschichte der Mädchenschule in Gelsenkirchen; diese Städtische höhere Mädchenschule ist ja die Vorläuferin des Ricarda-Huch-Gymnasiums; dieser Text in Grün, geschrieben 1981, stammt von Agathe Marke, Schulleiterin des Ricarda von 1973 bis 1983. Die Entwicklung des Gebäudes an der Schultestraße - Ecke Auf Böhlingshof; dieser Text stammt von dem langjährigen Mitglied des Kollegiums des Ricarda, Herrn K.-H. Brimberg, geschrieben im November 1997. Alle Links, Bilder seit 2005, einige verbindende Formulierungen und zusätzliche Erläuterungen sowie die Fortschreibung der Geschichte des Ricarda ab 2002 in Times von Michael Kraus. Die Bilder des alten Aloisianums am Probsteiweg und mehrere Bilder aus den ersten Jahren des neuen Aloisianums an der Schultestraße (jetzt "RHG"!) stammen mit freundlicher Genehmigung von Gabriele Girlich - danke!; es handelt sich um Postkarten aus den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Farbfoto des Informatikunterrichts aus den 90er Jahren stammt mit freundlicher Genehmigung von Jan Polowinski; Danke!
(2) Bis 1967 begann das neue Schuljahr zu Ostern. Durch Einfügung eines sog. Kurzschuljahres wurde 1966 der Turnus des Schuljahres anderen europäischen Gepflogenheiten angepasst. - Ostern fiel 1906 auf den 15. April.
(3) Aloisius (latinisiert; eigentlich Aloigi da Gonzaga, *1568), Jesuit, betreute die Pestkranken in Rom, bis er 23-jährig selbst an der Pest starb.
(4) Namensvettern (mit freundlicher Genehmigung der Ricarda-Huch-Schule, Gymnasium des Kreises Offenbach in Dreieich):
Ricarda-Huch-Schule Braunschweig
Ricarda-Huch-Schule Gießen
Ricarda-Huch-Schule Hannover
Ricarda-Huch-Schule Kiel
Ricarda-Huch-Gymnasium Krefeld
Ricarda-Huch-Realschule München
Ricarda-Huch-Gymnasium, Voswinckelstr. 1, 58095 Hagen